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für systemisch, konstruktivistisch arbeitende Coaches, Berater, Therapeuten und alle Interessierten

Einordnung der Kognitiven Verhaltenstherapien

Konstruktivistisch, Psychologie, Therapie Posted on Sa, März 21, 2020 16:53:20

Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Form der Verhaltenstherapie, die auf der Lerntherorie basiert und besagt, dass störungsbedingtes Verhalten erlernt wurde und deshalb auch wieder verlernt werden kann. Hauptströmungen der Lerntherorie sind der Behaviorismus, der Kognitivismus und der Konstruktivismus.

In der Anfangsphase des Behaviorismus (John B. Watsons) sollte die Psychologie als Naturwissenschaft neu begründet werden, indem alles Verhalten in Reiz und Reaktion zerlegt wurde. Innere psychische Vorgänge waren für Behavioristen uninteressant. Im sogenannten „radikalen“ Behaviorismus (B. F. Skinner) wurden innerpsychische Prozesse bei der Erforschung von Verhalten nicht mehr ausgeschlossen. Dennoch wurden sog. ’nicht-naturwissenschaftliche‘ Einflüsse auf das Verhalten z.B. von „Kultur und Tradition“ in Studien ignoriert, wenn sie nicht als Umwelteinflüsse und Verhalten definiert werden konnten. Ab den 1960er und 1970er Jahren wurde der Behaviorismus zunehmend vom Kognitivismus als vorherrschendem Ansatz in der Psychologie abgelöst.

Beim Kognitivismus steht die individuelle Informationsverarbeitung mit den Denk- und Verarbeitungsprozessen des Lernenden im Fokus (Tolman, Lewin, Bruner). Die Erkenntnisse des Kognitivismus stammen aus der Kognitionspsychologie, die interdisziplinär ist und Ideen aus Philosophie, Psychologie und Linguistik aufnimmt. Zum Begriff der Kognition gehören: Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Geist, Denkpsychologie (Denken), Emotion und Handeln, Intelligenz, Sprache, Kreativität, Verstehen, Urteilen (Psychologie) sowie Urteil (Logik), Werturteil (Bewerten), Vorstellungen, Lernen und Gedächtnis.

Die kognitive Verhaltenstherapie entwickelte sich seit den 60er Jahren aus dem Kognitivismus. Zu den Begründern und namhaftesten Vertretern der kognitiven Verhaltenstherapie zählen Albert Ellis (Rational-Emotive Verhaltenstherapie – REVT / RET), Aaron T. Beck (kognitive Therapie – KT / KVT) und Donald Meichenbaum (Stressimpfungstraining).

(Quelle: Wikipedia und ‚Kognitive Umstrukturierung‘ von Einsle / Hummel)



KVT – Das kognitive Modell

Konstruktivistisch, Psychologie, Therapie Posted on Mo, März 02, 2020 22:03:57

Das kognitive Modell der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) besagt vereinfacht: Nicht die Situation an sich beeinflusst die Gefühle einer Person, sondern die Art und Weise, wie die Person die Situation interpretiert. Gefühle und Verhalten werden durch die Wahrnehmung von Ereignissen beeinflusst.

Situation / Ereignis >> Automatische Gedanken >> Reaktion (emotional, Verhalten, körperlich)

Jeder Mensch entwickelt von Kindheit an bestimmte Annahmen (beliefs) über sich, andere Menschen und seine Umwelt. Seine innersten, tief verwurzelten Grundannahmen, die Dinge, die „nun einmal so sind“, werden nicht hinterfragt und oft nicht einmal ausgesprochen (auch nicht sich selbst gegenüber). Er hält diese Annahmen für absolut wahr. Diese Grundannahmen bilden die unterste Ebene der Annahmen. Sie sind situationsunabhängig, starr und übergeneralisiert. Die Gedanken, die jemanden in bestimmten Situationen automatisch durch den Kopf gehen, basieren auf den Grundannahmen. Sie werden automatische Gedanken genannt. Dazwischen liegt die Kategorie der sog. ‚bedingten Annahmen‘ (intermediate beliefs).

Grundannahmen >> Bedingte Annahmen (Einstellungen, Regeln, Grundsätze) >> Automatische Gedanken

Zusammen genommen sieht das kognitive Modell wie folgt aus:

Grundannahmen >> Bedingte Annahmen (Einstellungen, Regeln, Grundsätze) >> Situation / Ereignis >> Automatische Gedanken >> Reaktion (emotional, Verhalten, körperlich)

Ein mögliches Beispiel:

Grundannahme: „Ich bin unfähig.“ >> Bedingte Annahmen: Einstellung „Es ist schrecklich, zu versagen.“, Regel „Lieber aufgeben, wenn die Herausforderung zu groß ist.“, Grundsätze „Wenn ich etwas Schwieriges versuche, werde ich versagen“ und „Wenn ich dies vermeide, ist alles in Ordnung.“ >> Situation / Ereignis: „Lesen eines schwierigen Textes.“ >> Automatische Gedanken: „Das ist einfach zu schwierig. Ich bin so dumm. Ich verstehe das nie.“ >> Reaktion: emotional „Entmutigung“, Verhalten „Weitere Beschäftigung mit dem Text vermeiden. Statt dessen andere Aktivität.“, körperlich „Körper fühlt sich schwer an.“

Bedingte Annahmen sind einer Veränderung leichter zugänglich als die Gundannahmen. Obwohl die Grundannahmen nie offen ausgesprochen wurden, beeinflussen sie Denken und Verhalten. Wir entwickeln bestimmte Verhaltensmuster um mit unseren Grundannahmen (z.B. von eigenen ‚Defiziten‘) umzugehen.

In der kognitiven Verhaltenstherapie bildet das sog. Kognitive Fallkonzept den Rahmen für das therapeutische Verständnis und den daraus abgeleiteten Therapieschritten. Welche Probleme hat der Klient im Moment? Wie sind diese entstanden und wie werden sie aufrechterhalten? Welche dysfunktionalen Gedanken und Annahmen sind mit diesen Problemen verknüpft? Wie sieht der Klient sich selbst, seine Umwelt, seine Zukunft? Was sind die zugrundelegenden Annahmen (einschließlich der Einstellungen, Erwartungen und Regeln)? Wie geht der Klient mit seinen (dysfunktionalen ) Kognitionen um? Welche Stressoren tragen zur Aufrechterhaltung bei bzw. stören deren Auflösung? Die Hypothesen des Therapeuten über die innere Landkarte des Klienten sind das Kognitive Fallkonzept. Die Therapie ist eine gemeinsame Reise auf den Wegen dieser inneren Landkarte mit dem Ziel an einem vom Klienten bestimmten Ziel anzukommen. Ein gründliches Fallkonzept d.h. ein möglichst genaues Bild der inneren Landkarte hilft eine Reiseroute festzulegen. Das Fallkonzept ist immer in Bewegung und unterliegt ständigen Änderungen. Jede neue Information bestätigt, verwirft oder modifiziert Hypothesen. Ein Fallkonzept ist dann zutreffend, wenn der Klient bestätigt, dass es sich ‚richtig anfühlt‘.

(Quelle: Praxis der Kognitiven Verhaltenstherapie, Beck)



Was heißt ‚Systemik‘ in Therapie und Coaching?

Konstruktivistisch, Philosophie, Psychologie, Systemisch, Therapie Posted on So, Februar 02, 2020 15:11:09

Regeln in sozialen Systemen erkennt man an Einschränkungen von Verhaltensoptionen der Systemmitglieder und daran, welche Bedeutungen den Dingen zugewiesen werden und welches Verhalten als möglich und unmöglich angesehen wird. Bei diesem (oft nicht bewussten) Aushandeln der Regeln ist wichtig, dass wir in der Lage sind, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, in dem wir den anderen ein Bewusstsein unterstellen, das unserem ähnlich ist. Wir handeln auf Grund unserer Erwartungen darüber, was die Erwartungen der anderen sind (Erwartungs-Erwartung). Aber natürlich können wir über das Verhalten der anderen nicht sicher sein, denn unsere Erwartungen können falsch sein und so kommt es zu nicht vorhersehbaren Überraschungen. Regeln werden autonom innerhalb des Systems ausgehandelt. Sie werden gemeinsam konstruiert. Die Philosophie des Konstruktivismus ist damit die erkenntnistheoretische Grundlage einer systemischen Haltung und Denkens. Ein System definiert sich selbst. Man kann auch sagen, ein System ‚ist‘ die Differenz zwischen sich und seiner Umwelt (Luhmann). Systeme erschaffen und erhalten sich selbst (sind ‚autopoietisch‘). Die sozialwissenschaftliche Theorie sozialer Systeme stammt von Niklas Luhmann, dessen Bücher bis heute kaum in andere Sprachen, insbesondere Englisch, übersetzt wurden. Dennoch haben seine Grundlagen die Theorie der systemischen Therapie im deutschsprachigen Raum stark geprägt. In der Medizin und insbesondere Psychologie, ist heute das allgemeine Verständnis, das alles Geschehen, insbesondere bei Störungen, bio-psycho-sozial zu betrachten ist. Luhmann schlug vor, für das Verständnis menschlicher Wirklichkeit, drei Klassen von autopoietischer Systeme zu unterscheiden: biologische Systeme (Leben), psychische Systeme (Bewusstsein) und soziale Systeme (Kommunikation). Dass diese drei Systeme in relativ starker Unabhängigkeit von einander arbeiten, hat für eine systemische Sicht einer Therapie und Coaching weitreichende Konsequenzen:

  • Unabhängigkeit Psyche und Kommunikation: Menschen können sich grundsätzlich nicht gegenseitig durch Kommunikation verstehen. Kommunikation regt, als ‚Umwelt‘ des Systems Psyche, lediglich Prozesse an.
  • Unabhängigkeit des Systems Kommunikation: Im System Kommunikation entwickeln sich, durch das ‚Eigenleben‘ im System Kommunikation, Muster, die anders ablaufen, als es sich die Beteiligten wünschen.
  • Unabhängigkeit des Systems Psyche: Gefühle sprechen nicht. In der Therapie kann deshalb lediglich mit der Kommunikation über den Umgang mit Gefühlen gearbeitet werden.
  • Unabhängigkeit Kommunikation vs. Psyche und Biologie: Die Kommunikation im Coaching und Therapie kann nicht direkt auf Pyche oder die Biologie einwirken, sondern als ‚Umwelt‘ lediglich Prozesse anregen.

In einem konstruktivistischen Verständnis gehen wir davon aus, dass wir als Menschen niemals eine objektive Wahrheit (sollte es diese jemals geben) erkennen können. Unsere Sensorik nimmt lediglich Reize wahr. Die Beurteilung dieser Reize, unsere Kognition, ist es, die diesen einen Sinn verleiht. Wir konstruieren einen Sinn. Sinn ist nicht allein in der Welt vorhanden. Er wird von uns als Beobachter erschaffen und erhalten. Im sozialen Konstruktivismus gibt es nicht Menschen die miteinander sprechen, sondern es gibt Geschichten (Narrationen), die eine Wirklichkeit, unabhängig von den einzelnen Menschen, erschaffen. Systemik in Therapie und Coaching heißt damit auch, die Kraft einer Perspektivenvielfalt zu nutzen und den Umgang mit Bedeutungen von Narrationen (z.B. durch Metaphern) neu zu verhandeln, in einem ‚Tanz der Bedeutungen‘.

Die Kongruenz des Systems ‚Sozial‘ mit ‚Kommunikation‘ hat ebenfalls weitreichende Bedeutung. Unsere Geschichte, also die Beobachtung und Definition unserer gesellschaftlich akzeptierten Wahrheit, durch die Unterdrückung alternativer Geschichten mit Hilfe der Massenmedien, ist immer auch mit sozialer Macht verbunden. Geschichte schreiben immer die Sieger. Aber auch die Sprache selbst, als einer der wichtigsten Kommunikationsmittel, war schon immer mit Macht und Machtausübung verbunden (vergl. Foucault und Derrida – Macht durch normierte Wahrheiten).

In einer systemischen Sicht ist die Welt nicht einfach kausal, schon gar nicht linear kausal, sondern ein komplexes Geschehen. Sie ist nicht so ‚ordentlich‘ und berechenbar wie wir sie gerne hätten (denn das gibt uns Sicherheit). Stabilität und Ordnung sind eher Konstruktionsleistungen eines oder mehrerer Beobachter. Kausale Beschreibungen können in Systemen problematische Folgen nach sich ziehen, die bei einem systemischen Arbeiten in Coaching und Therapie in Frage gestellt werden. ‚Probleme‘ lassen sich systemisch als Kommunikation verstehen, die etwas als unerwünscht und veränderbar bewertet. Ein Problem wird aus folgender Zusammenwirkung konstituiert: Einer Selektionsleistung von einer oder mehreren Personen, die einen Zustand beschreiben; beobachtet von einer oder mehreren Personen, die diesen Zustand entdecken und beschreiben; bewertet als unerwünscht oder veränderungsbedürftig von einem oder mehreren Beobachtern; und zumindest ein Beteiligter glaubt daran, dass dieser Zustand änderbar sei (anderenfalls ist es Schicksal). Probleme werden aus systemischer Sicht erfunden und entdeckt (konstruiert). Ein Problem erschafft auch ein System (problemdeterminierendes System) in dem die kollektive Aufmerksamkeit auf ein Problem gelenkt wird, eine Erklärung für das Problem erfunden (konstruiert) und diese verfestigt und aufrechterhalten wird. Sie werden erzeugt und aufrechterhalten, weil sie nützlich im System sind. Probleme in systemischer Sichtweise erfüllen eine Funktion (z.B. Aufrechterhaltung einer Stabilität/Gleichgewicht in einem System). Aus Sicht der systemischen Therapie sind Krankheiten Probleme, die differenziert, aus bio-psycho-sozialer Perspektive betrachtet werden sollten. So gibt es z.B. im Englischen für das deutsche Wort Krankheit gleich drei Wörter, mit unterschiedlichen Bedeutungen: disease (bio-medizinisch), illness (psycho-erlebte) und sickness (sozial anerkannt).



Psychologische Beratung und Therapie in Gruppen

Kommunikation, Psychologie, Therapie Posted on Sa, Januar 25, 2020 13:21:00

Man kann Gruppen einteilen in

  • Selbsthilfegruppen (z.B. Adipositas, AGUS Angehörige um Suizid, Aktiv für die Psyche, Allergie / Asthma / COPD, Angst, AAS Anonyme Arbeitssüchtige, Anonyme Insolvenzler, Anonyme Sexsüchtige, Blinden und Sehbehindertenbund, Berufstätige Pflegende Angehörige, Bluthochdruck, Brustkrebs, Chronisch krank und JA! zum Leben, Deutsche Rheuma Liga, Diabetis etc.; Quelle: kleine Auswahl von Gruppen gelistet bei der SHZ-München)
    Selbsthilfegruppen leisten Aufklärungsarbeit und können insbesondere helfen Behandlungserfolge langfristig zu stabilisieren.
  • Wachstumsgruppen
    Wachstumsgruppen oder Encountergruppen helfen dabei Selbstverwirklichungskräfte freizusetzen. Bei eine professionellen Gesprächsleitung kann in diesen Gruppen eine fassadenfreie Begegnung der Teilnehmer erfolgen. Diese Gruppen lassen sich in einem Übergangsbereich zur Psychotherapie verorten und werden deshalb auch gerne als ‚Therapie für Normale‘ bezeichnet. Ein Beispiel ist das Konzept der Coaching.Reise
  • Psychotherapiegruppen
    Psychotherapiegruppen haben ausdrücklich das Ziel psychische Störungen zu behandeln. Man kann in konflikt- / beziehungs-orientierte und methoden- / einzelfall-orientierte Gruppen unterscheiden. In konfliktorientierten Gruppen dient die Gruppe als sozialer Mikrokosmos und als Übungsfeld ohne das volle soziale Risiko. Bei den methodenorientierten Gruppen steht nicht die Gruppendynamik im Vordergrund, sondern für eine überschaubare Zeit werden in der Gruppe, Störungen einzelner Mitglieder behandelt (ähnlich wie in einer Einzeltherapie). Probleme können dabei aber auch mit anderen Gruppenteilnehmern simuliert und besprochen werden (z.B. in Rollenspielen und Gestaltübungen).

(eigene Zusammenfassung aus Peter Fiedler, Verhaltenstherapie in Gruppen)



Existentielle Faktoren

Psychologie Posted on Mi, Januar 16, 2019 13:14:37

Existentielle Faktoren sind:

– Erkennen, dass das Leben manchmal unfair und ungerecht ist.

– Erkennen, dass es manchmal letztendlich unmöglich ist, Schmerzen, die das Leben mit sich bringt, zu entfliehen und ebenso wenig dem Tod.

– Erkennen, dass ich anderen Menschen noch so nahe sein kann, aber mit dem Leben trotzdem allein fertig werden muss.

– Mich den Grundfragen meines Lebens und meines Todes stellen und dadurch ehrlicher leben und mich weniger in Unwichtigem verstricken.

-Mir darüber klar werden, dass ich letztlich selbst dafür verantwortlich bin, wie ich lebe, auch wenn ich von anderen noch so viel Rat und Unterstützung erhalte.

(Irvin D. Yalom in ‚Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie‘)



Selbst und Achtung

Psychologie Posted on Mi, Januar 16, 2019 13:13:11

Man kann sagen, dass das SELBST aus gespiegelten Urteilen besteht.

Sich selbst zu akzeptieren hängt nicht nur von der Fähigkeit ab, andere zu akzeptieren, sondern man kann andere auch nur dann völlig akzeptieren, wenn man sich selbst akzeptiert.

Selbstachtung und das Ansehen anderer sind stark miteinander verbunden.

(Irvin D. Yalom in ‚Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie‘)



Anpassungsleistungen im Lebensverlauf

Psychologie Posted on Mi, März 21, 2018 07:03:23

Der Mensch ist eine physiologische Frühgeburt. Eigentlich bräuchte er ca. 18 Monate um zu reifen, dann wäre er aber zu groß um durch den Geburtskanal zu passen.

Die Schwangerschaft unserer weit zurückliegenden Vorfahren betrug ca. 21 Monate. Nach der Geburt erlebt der Mensch eine Phase der vollständigen Abhängigkeit. Urvertrauen und, das Gegenteil, Urmisstrauen werden geprägt. Bindungsverhalten ist angeboren. Bereits 42 Minuten nach der Geburt können Kinder das Gegenüber imitieren. Durch das Nachahmen der Mimik entsteht im Kind die gleiche Reaktion des Nervensystems, die das Vorbild hat. Kinder können mit ca. 6 Monaten die nahen Bezugspersonen von Fremden unterscheiden und entwickeln dann ein emotionales Erleben dieser Abhängigkeit. Ängste kommen auf, wenn die Bezugspersonen sich entfernen oder Fremde auftauchen. Die emotionale Präsenz und die Zugewandtheit der Bezugspersonen ist jetzt besonders wichtig. Sicherheit muss von und durch sie garantiert werden. In dieser Phase hat das Erleben von Abhängigkeit, Bindung, frühen Ängsten, Urvertrauen und Sicherheit nachhaltige Auswirkungen auf den späteren Erwachsenen. Das Gehirn erfährt einen Wachstumsschub von 400g bei der Geburt auf über 1000g im Alter von 12 Monaten. Beziehungs- und Erfahrungsprozesse prägen die strukturelle Ausformung der Nervenzellen (‚Der Körper vergisst nicht‘). In der frühen Kindheit wird Bindung kommuniziert: durch Mimik, Haltung, Geschwindigkeit in der Bewegung und Handlung. Ton und Volumen der Stimme, Muster und Geschwindigkeit der verbalen Kommunikation, sowie der Blickkontakt sind wesentliche Elemente die Botschaften transportieren. Die immer wiederkehrende Aufgabe der Beziehungsperson ist es, dem Kind zu ermöglichen aufsteigende Spannungen zu ertragen, aber rechtzeitig einzuschreiten um zu beruhigen, bevor es von Affekten überflutet wird. Fühlt sich das Kind müde, krank, unsicher oder allein, reagiert es mit Bindungsmustern indem es schreit, lächelt, anklammert, nachfolgt etc., was den Erwachsenen anspricht, so dass dieser mit Nähe reagiert, die wiederum die Spannung im Kind abbaut. Das Kind entwickelt ein erstes Bild von sich selbst indem es das Bilder einer nahen Bezugsperson in sich aufbaut (Identifikation). Dieser Prozess ist nicht vor Ende des dritten oder vierten Jahres abgeschlossen. Aus dem Zusammenwirken solcher Identifikationen, von Reifeprozessen und genetischer Vorgaben, bildet sich im Laufe der Zeit die innere Instanz, die wir Selbstbild nennen. Es ist das was wir als unsere Identität erleben und was uns von unserer Umwelt unterscheidbar macht. Das erste ‚Nein‘ tritt mit ca. 15 Monaten auf. Das Kind erfährt, dass es Leistungen vollbringen kann, die die Umwelt anerkennt. Der Prozess der Abgrenzung von der Umwelt setzt ein. Kinder lernen im Laufe des dritten Jahres sich nicht mehr mit dem Vornamen, sondern mit ‚ich‘ zu bezeichnen. Kinder erfahren eine Auseinandersetzung mit ihren aggressiven Bedürfnissen (z.B. das Beißen) und erhalten eine Vorstellung von Aggression, die prägend für den späteren Umgang damit ist. Mit der Entwicklung der Motorik wird das Erleben der Autonomie dominant. Trotz ist ein natürlicher Autonomieversuch, der von den Eltern bedrohlich erlebt werden kann. Das gerade erworbene Vertrauen in die Umwelt wird auf eine Probe gestellt. Autonomie steht gegen Scham und Zweifel. Die vorher symbiotische (Mutter-Kind Zwei-Einheit) Beziehung erfährt eine allmähliche Loslösung (Separation). Zu der Suche nach einem neuen inneren strukturellen Gleichgewicht gehört ein Abwechseln zwischen Befriedigungs- und Versagungserlebnissen, eine ‚optimale Frustration‘‚die die wachsende Autonomie des Ich unterstützt. Das Kind kann in dieser Zeit der Zerrissenheit zuweilen fast depressiv wirken. Im Vorschulalter wird der sog. triadische Konflikt Mutter, Vater, Kind erlebt. Ein Loyalitätskonflikt, der dadurch entsteht, dass das Kind beide Eltern liebt und von beiden Eltern geliebt werden will. Die Gehirnfunktonen der Jungen und Mädchen entwickeln sich in unterschiedlicher Reihenfolge und Geschwindigkeit. Auch der Einfluss einer Geschwisterbeziehung ist allein schon von ihrer Dauer prägend. Das Beziehungsgefüge zu Geschwistern und deren Rivalität ist immer eingebettet in die Beziehung zu den Eltern. Die Durchgangsphase von ’nicht Kind, nicht Erwachsener‘ (Adoleszenz) ist ein wichtiger Schritt für den Umgang mit dem eigenen Körper und der sozialen Umwelt. Das Erwachsenenalter ist hingegen durch das Erleben von Partnerschaft, sozialen Beziehungen und die Bewältigung von Leistungserwartungen geprägt.

(Zusammengestellt u.a. aus ‚Eva Rass, Bindung und Sicherheit im Lebenslauf‘, Hoffmann/Hochapfel, ‚Neurotische Störungen und Psychosomatische Medizin‘)



Die Kraft der Bilder bei unseren Vorfahren

Psychologie Posted on So, Januar 21, 2018 10:47:39

In dem Buch ‚Heilzauberglaube unserer Altvorderen‘ untersucht der Psychologe Jürgen Kraft die schamanischen Heilmethoden Mittel- und Nordeuropas. Er stellt unter anderem fest..

Unsere Vorfahren haben in Entsprechungen und Analogien gedacht. Der Sympathieglauben ist ein Entsprechungsdenken. Man geht davon aus, dass zwischen äußerlich ähnlichen Dingen eine Verbindung besteht z.B., dass, das was mit dem Abbild einer Person geschieht, eine Rückwirkung auf die reale Person hat. Andere Beispiele für Entsprechungsdenken sind die Astrologie und die Homöopathie. Der Sympathieglauben war eine zentrale Vorstellung unserer Vorfahren. Der Wunsch des Menschen nach Kontrolle über ihre vorhersagbare Umgebung lässt Glaubensgebäude (auch Aberglaube) entstehen.

Der uralte evolutionäre Teil unseres Gehirn, dass schnell denkt, ohne Anstrengung, integrativ und vor-bewusst und ständig versucht Ursache-Wirkungsbeziehungen zu erfinden (siehe Schnelles Denken, Langsames Denken..) ist wahrscheinlich für Entsprechungsdenken und damit für unseren Sympathieglauben verantwortlich.

Dieses Denken kann im Sinne einer ’selbst erfüllenden Prophezeiung‘ psychologisch eingesetzt werden. Positive Vorstellungen unterstützen unser Immunsystem und wir verhalten uns automatisch so, dass wir eher unser Ziel erreichen. Innere Bilder werden im NLP (u.a. bei der NBG Methode) aber auch in Therapien wie der KIP oder der VT (Desensibilisieren) verwendet. Wir können im Rahmen unserer inneren Bilder probehandeln und positive Erfahrungen gewinnen, die in unser reales Leben übertragen werden, da unser Gehirn nicht zwischen realen und in der Vorstellung gemachten Erfahrungen unterscheiden kann.

Auch in der Schamanischen Arbeit (Jürgen Kraft s.o.) werden Bilder verwendet und Verhaltensänderungen unterstützt. So muss sich der Patient nach einer ‚Krafttierrückholdung‘ intensiv mit seinem Krafttier beschäftigen und auseinandersetzten. ‚Krafttiere‘ können verschwinden, wenn ein Mensch seinen Körper oder Geist vernachlässigt. In vielen schamanischen Kulturen wird von einer vielfachen Seele ausgegangen. Um traumatische Situationen zu ertragen, flüchtet ein Teil der Seele (Dissoziation in der Psychologie). Bei der Seelenrückholung geht es dann um eine Verhaltensänderung des Patienten, um den Seelenteil bei sich zu halten.



Wachstum und was es dazu braucht

Psychologie Posted on So, Dezember 24, 2017 15:04:26

Wir Menschen wollen und müssen wachsen. Über uns hinauswachsen, uns entwickeln. In der Kindheitsphase ist das offensichtlich, doch es hört unser ganzes Leben nicht auf. Unser Leben hat etwas prinzipiell Vorläufiges und Unvollendetes. Wir sind “geworfen” (in-die-Welt-geworfen) und uns selbst verantwortet (Sartre). Einige unserer Verhaltensweisen begünstigen ein solches Wachstum, andere behindern es. Wenn wir ‚festhängen’, schaffen wir es, uns in Sackgassen zu verrennen und uns selbst zu quälen (Neurosen). Unser Wachstum verläuft in typischen Phasen, deren Durchlaufen, so unangenehm es sein mag, dazu gehört. Darum wird es in diesem Artikel gehen.

Unser Denken ist stark polar geprägt. Sobald wir mit einem Begriff etwas beschreiben, müssen wir schon sein Gegenteil ebenfalls definieren. Geist und Leib (Psyche und Soma), Gut und Böse, krank und gesund, Licht und Dunkel, rechts und links, oben und unten; alles wird gespalten und zweigeteilt. Vielleicht ist das so, weil wir in unserer körperlichen Anlage ebenfalls symmetrisch / zweigeteilt sind und wir hätten eine andere Denkstruktur, wenn unsere Symmetrie eine andere wäre, mit 3 Armen zum Beispiel. Wir nehmen diese Polarität als völlig normal hin und hinterfragen sie nicht. Dabei sind diese Dimensionen immer unsere eigenen Festlegungen, Dogmen, Bewertungen; also nur unserer eigenes geschaffenes Abbild einer Realität, die durchaus andere Dimensionen und unendlich viele Zwischenstufen kennt, die wir aber in unserem Denkmuster ausblenden, weil wir unsere Aufmerksamkeit durch eine duale Brille zwängen.

Unglücklicherweise entscheiden wir uns oft dafür auf nur einer polaren Seite stehen zu wollen und die andere Seite in unseren Schatten zu verdrängen. Zwischenstufen und ein – sowohl als auch – werden der Einfachheit halber ganz ausgeblendet. Wir wollen zum Beispiel immer nur gut, erfolgreich und gesund sein und tendieren damit zu einem polaren Extrem. Ein gutes Rezept um sich früher oder später selbst unglücklich zu machen. Unsere Erwartungshaltung wird extrem, unser Denken starr und vergleichend. Wir vergleichen uns und Andere mit unserer einseitigen Erwartungshaltung und wollen uns oder Andere ändern, damit sie zu unserem Wunschbild passen. Wir versuchen oft jemand zu sein, der wir nicht sind, um unseren eigenen, extremen Erwartungshaltungen besser zu entsprechen.

In der Kommunikation mit uns und Anderen sind wir nicht bei uns und alles andere als gewaltfrei. Man kann auch sagen, dass wir unserer eigenen Erfahrung von Wirklichkeit, Gewalt antun. Wir “müssen” eine Menge und orientieren uns damit wieder vergleichend an einem Wunschbild. Damit sind wir weder bei uns, noch bei anderen Menschen, d.h. wir können nicht wirklich in Kontakt gehen. Wir sind nur an der Grenze von Dingen und Menschen in Kontakt, in Berührung, weil wir nur auf der Grenze von Innen und Außen (Gestalt) etwas gemeinsam haben. Nur auf der Grenze leben wir wirklich.

Wir schaffen auch eine fatale Polarität in der Zeit. Entweder ist etwas Vergangenheit, oder eine Vorstellung in der Zukunft. Das Jetzt verschwindet zu einem winzigen, infinitesimalen Moment dazwischen. Die Gegenwart verliert an Bedeutung, sie schrumpft gleichsam. Sie wird reduziert auf einen bloßen Umschlagpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; hat keinen eigenen Raum, keine Dauer, keine Stabilität mehr (Luhmann).

Dabei, wenn etwas nicht stimmt, auch wenn es schon lange so geht, brauchen wir nicht in der fernen Vergangenheit nach Ursachen und Verantwortungen zu suchen, sondern es ist Jetzt Teil von mir und ich kann hinsehen, was es Jetzt mit mir machtWarum und Weil sind Schutzworte, die eine Übernahme unserer eigenen Verantwortung nur verhindern. Wenn wir stattdessen nach dem Wie fragen, wie es Jetzt ist, werden wir uns bewusst, was wir tun und können beginnen Verantwortung für unsere Weiter-Entwicklung zu übernehmen.

Wir verhalten uns als ob es die körperliche Erlebniswelt und die Ebene des Intellektes gibt. Die Ebene auf der wir, allein mit uns, ungestört grübeln und uns im Kreis drehen können, uns Katastrophen vorstellen können, uns selbst verletzten und jammern dürfen. Zerrissen in unserer Vorstellung, als ob wir nicht eine Einheit von Körper und Geist wären. Fast immer lässt uns unser Organismus wissen, was wichtig ist, doch wir sind routiniert darin, seine Signale zu unterdrücken, auszublenden und zu zensieren. Jedenfalls bis der Körper doch noch eine andere Art findet sich auszudrücken, durch Krankheit oder psychosomatische Symptome, die uns dann ganz plötzlich überfallen und die wir nur einfach weg haben wollen um mit unseren alten Mustern ungestört weiter machen zu können. Nur keine Entwicklung bitte. Lasst mich in meiner Komfortzone aus alten Mustern, denn die sind zumindest gewohnt und geben Sicherheit.

In diesem Verhalten schaffen wir es uns auf verschiedene Arten unser Leben schmerzhaft und mühsam zu machen. Einige davon sind diese Strategien (es gibt viele mehr..):

Wir schaffen uns einen Berg unerledigter Dinge, den wir so lange aufhäufen, bis es wirklich nicht mehr geht und alles zusammenbricht oder wir krank werden, was dann, bei so einem Berg ja wirklich einmal sein darf.

Wir sind unentschlossen, immer hin- und hergerissen, können uns nicht entscheiden, wissen nicht was wir eigentlich wollen. Unser Rhythmus stimmt nicht mehr, wir atmen nicht mehr richtig ein oder aus; können nicht mehr richtig schlafen oder werden nicht mehr richtig wach.

Wir schwanken zwischen zwei Extremen, die beide nicht möglich sind, tun so als gäbe es keine andere Wahl mehr und diese vermeintliche Sackgasse treibt uns fast in Wahnsinn.

Wir schaffen keine klare Grenzlinie zwischen uns und der Welt, können kein Gleichgewicht zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und den Forderungen von außen finden.

Wir schlucken alles nur noch herunter (Introjektion), tun so als seien keine Konflikte da, stimmen jedem zu und brauchen uns damit auf nicht mehr verteidigen. Brauchen wir auch nicht mehr, da es uns selbst kaum noch gibt, denn wir haben bei dem ganzen Lagerhaus von verschluckten Urteilen, Ideen und Normen Anderer auch keinen Platz mehr für uns selbst.

Wir verschieben die Grenze zwischen uns und Anderen, in dem wir projizieren, regen uns über Eigenschaften, die wir an uns nicht mögen bei anderen auf (Schatten) jubeln Qualitäten Anderer hoch zu Idealbildern unserer Wunschvorstellungen. Wir sind immer Opfer der Umstände und verleugnen unser eigenes Tun, unsere Verantwortung. Anstatt zu sagen “Mir fällt es schwer mich anzunehmen wie ich bin.” sind es die Anderen, auf die ich das Positive und das Negative projiziere.

Wir verkriechen uns in uns selbst (Retroreflektion), ziehen zwar eine Grenze, aber leider nur durch das eigene Ich, was uns in der Teilung nicht weniger einsam macht. Wir halten uns selbst zurück, beißen die Zähne zusammen, pressen die Lippen fest auf einander, halten die Arme steif, runzeln die Stirn, halten den Kopf steif zwischen den Schultern, kauen an den Nägeln usw. Das alles kostet Energie, die wir nach außen nicht mehr haben.

Wir fließen mit der Umgebung zusammen (Konfluenz) und wissen nicht mehr wo unsere eigenen Grenzen verlaufen, aber wir gehören dazu und fühlen uns angenommen. Unterschiede werden nicht geduldet, Andersdenkenden sind wir unversöhnlich gegenüber und wir können zu den bekehrtesten (furchterregendsten) Mitgliedern einer Gemeinschaft werden (Kirche, Bewegung, Club u.a.). Der eigene Wert liegt nicht mehr bei einem selbst, sondern nur noch in der Bewegung / Gruppe. Was erwarten die anderen von mir, ist die wichtigste Frage. Wir bezahlen mit unserem Leben um dazu zu gehören.

All diese Strategien behindern unser freies Wachstum. Wir sind im Kern zur Freiheit verurteilt, weil wir nicht anders sein können, als ein Entwurf von uns selbst (Sartre). Übernehmen wir die Verantwortung für unsere Freiheit nicht, dann klären unsere Grenzen (unseren Entwurf von uns selbst / unsere Gestalt) nicht, sind nicht im Hier und Jetzt und nicht wirklich im Kontakt. Die drei typischen Wachstumsbremsen der Menschen sind Faulheit, Feigheit und Fixierung (Höfner). Unser Wachstum vollzieht sich in fünf Phasen oder Schichten (de Roeck nach Perls).

  1. Die Klischee-Phase: Wir leben nach vorgegebenen Mustern und Regeln. Das Verhalten ist vorhersagbar wie der Tod. Alles ist so, wie es sich gehört, aber wir haben kein echtes Engagement, kein Vertrauen, kein Risiko. Ein “Verfallensein” an ein anonymes “Man” (Heidegger)
  2. Die Als-Ob-Phase: Wir inszenieren uns, spielen Spielchen, betrügen uns in dem wir etwas darstellen, was wir nicht sind z.B. in dem wir immer lächeln (das Mona-Lisa Spiel); so tun als ob wir nicht verstehen, wenn uns etwas triff (der Naive); geben uns übertrieben bedauernswert (das Mitleid Spiel); erpressen andere (“Du bist der Einzige..”, “Wenn Du nicht..”); sagen “Du bist genauso wie..” (das Übertragungsspiel) “Du hast es leichter..” (Vergleichsspiel); “Warum bist du nicht..” (Vorwurfspiel). Wir spielen Theater (Goffman), haben zwar die Sicherheit der Rolle, aber bringen uns um die Chance zu echten Beziehungen.
  3. Die Ausweglosigkeits-Phase: So bald wir aus unseren Rollen herausgehen, die Scheinsicherheit verlassen, befinden wir uns in einer Sackgasse, eine angstvolle, dunkle Leere (Depression).
  4. Die Implosive-Phase: Die letzten Gegenkräfte einer Weiter-Entwicklung mobilisieren sich. Es fühlt sich an wie ein Stück zu sterben. Wir ziehen uns krampfhaft zusammen und versuchen doch noch etwas Kontrolle zu haben. Dennoch lohnt es sich loszulassen und dies auszuhalten – sterben um zu leben.
  5. Die Explosive-Phase: Wie neu geboren brechen echte Gefühle einer authentischen Persönlichkeit hervor. Es wird viel neue Energie frei. Neue Möglichkeiten und neue Fähigkeiten entdeckt.

Ich habe mehrere dieser Entwicklungsphasen vollständig durchlaufen. Einen Zyklus vom Beginn meiner Schulzeit bis zur Explosions-Phase nach der Schule. Dann einen neuen Zyklus über das erste Studium hinweg bis zur ersten Hälfte meiner Berufstätigkeit und einen zweiten Zyklus danach. Dass viele Wechsel mit Phasen meiner beruflichen Veränderung zusammenfallen, zeigt, wie stark ich mich auf den Beruf fixierte und meinen Wert darüber definierte. Die letzte Phase der Ausweglosigkeit und Implosion war mit einer schweren Depression heftig, aber seit einer ganzen Weile bin ich in einer neuen explosiven Phase und entdecke immer mehr. Auch wenn es mir schwer fällt es zu akzeptieren, gehören auch die dunklen Phasen zum Leben, zum Lebens- und Wachstumszyklus, dazu.



Wirkfaktoren der KiP

Psychologie, Therapie Posted on Sa, Dezember 02, 2017 10:23:38

Gefördert durch die offenen Fragen, die imaginierte Scene in allen Details zu beschreiben, werden die katathymen Bilder der Wahrnehmung realer Szenen immer ähnlicher. Dies ist aber erst vollständig, wenn der Klient auch den Gefühlston der Scene wahrnehmen und verbalisieren kann.

Dadurch dass selbst “Ungeheuerlichkeiten” in der gleichen Art beobachtet, vergegenwärtigt und beschrieben werden, mit der man einen technischen Apparat untersuchen würde, werden Symbolisierungen Schritt für Schritt durch den Klienten (nicht durch den Therapeuten) intellektuell erfasst. Der Tagtraum wird entmystifiziert und wird zunehmend realitätsbezogen. Eine Entwicklung des Klienten ist durch einsetzende Wandlungsphänomene beobachtbar und kann positiv verstärkend angesprochen werden.

Die intensive Wahrnehmung von Gefühlen kann diese verstärken, wobei eine Freisetzung oder auch Abreaktion befreiend wirken kann. Dies ist aber nicht Selbstzweck, sondern die damit verbundene emotional-affektive Neutralisierung zur Gewinnung einer kognitiven Klarheit, insbesondere bei fixierten Bildern.

Konflikte, als Teil des eigenen konflikthaften Ich, werden nach Außen verlagert / projiziert, werden damit greifbar und lassen sich kritisch betrachten. Bildstrukturen können eingeordnet und auf ihren Gefühlston untersucht werden. Diese Betrachtungen und die Fokussierung auf Details haben eine unmittelbare Rückwirkung auf das Ich (z.B. Selbstheilungstendenz). Dabei kann der Prozess teils halb vor, halb unbewusst im Bildhaften stehen bleiben (“Im-Bild-stehen-lassen” von Metaphern in allen vielschichtigen Bedeutungen statt Entleerung durch Unterteilung in Begriffen), teils wird er zur Gewinnung von kognitiven Einsichten bewusst. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzung emotional getragen ist.

Die Auseinandersetzung mit und die Bewältigung von Konflikten im Tagtraum kann durch die Probehandlungen Klienten-Ressourcen aktivieren und kann das Ich erheblich stärken.



Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP)

Psychologie, Therapie Posted on Sa, Dezember 02, 2017 10:22:27

In ihrem Konzept geht das katathyme Bilderleben von der Tradition der europäischen Tiefenpsychologie aus und erfüllt alle Kriterien der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Beinahe alle Menschen können fantasiegetragenen Imaginationen entfalten (nicht nur im Nachttraum, sondern auch in Tagestraumfantasien) und somit sich in einen subtilen dialektischen Prozess treten. Im Gegensatz zum Nachttraum, bei der i.d.R. eine kritische Stellungnahme aufgehoben ist, bleibt es im Tagtraum klar, dass es sich nicht um reale Erscheinungen handelt. Mittels nicht interpretierenden (!) Interventionen kann der Therapeut auf Grund von empirischen Beobachtungen die Imaginationen sinnvoll nutzen (z.B. Versöhnen und Nähren). Nach der Einleitung einer kurzen Entspannungsphase werden vage Vorstellungsmotive vorgegeben und der Klient kann spontan auftretende Gefühle und Affekte entfalten und dabei verbalisieren. Eine emphatisch einfühlende Begleitung durch den Therapeuten ist wesentlich. Obwohl die Durchführung sehr einfach erscheint, ist KiP ein starkes therapeutisches Instrument (auch im Bereich der Kurzzeittherapien), das eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung voraussetzt. In der Grundstufe werden weniger Symptomatiken direkt behandelt, sondern die unbewusste Psychodynamik. Durch die Art der Vorlagen / Strukturmotive werden keine Grenzen gesetzt. Projektionen können sich dabei trägheitslos wandeln (mobile Projektionen). Dabei kann KiP sowohl mit Klienten die stark intellektualisieren, als auch mit Klienten, die in Introspektion ungeübt oder auf ein operatives Denken eingeschränkt sind, erfolgreich eingesetzt werden. Der Klient wird gebeten über alle auftauchenden Inhalte fortlaufend zu berichten (dauerhafter Rapport). Der Therapeut stellt sich so ein, dass er alle Inhalte anerkennt und seine Fragen und Hinweise aus der quasi-realen Perspektive formuliert. Wichtig ist, dass der Klient lernt das Gefühlsmoment und die Stimmung wahrzunehmen. Zwischenfragen sollten deshalb vor allem der Klärung von Bilddetails und des Gefühltones dienen.

Skizze eines Ablaufes..
– “Blumentest” im Sitzen, ohne Ankündigung zur Verhinderung einer Erwartungsspannung

– Entspannung
– Einstellung eines Strukturmotives, in der Grundstufe: Wiese (spiegelt häufig die gegenwärtige Stimmung des Klienten wieder) – kann auch als Startpunk für Sitzungen dienen, Bachlauf (ergibt sich auch öfter aus dem Wiesenmotiv), Berg, Haus, Waldrand
– Zurücknehmen

I.d.R. erfolgen keine anschließenden Nachgespräche über die Inhalte. Ggf. Hausaufgabe ein Bild zu malen oder ein Protokoll zu schreiben (und Besprechung am Anfang der nächsten Sitzung).

Für eine Einleitung in die Grundstufe sei z.B. auf das Buch “Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP)” von Hanscarl Leuner verwiesen.

Kontraindikationen sind ein IQ unter 85, Psychosen akuter oder chronischer Art oder psychosenahe Zustände, hirnorganische Syndrome, schwere depressive Verstimmung, mangelnde Motivation selbst für eine einfache, nicht aufdeckende Therapie.



Dramaturgie des Unbewussten

Psychologie Posted on Sa, November 11, 2017 20:44:05

Die Erfahrungen der Gegenwart werden immer durch die Brille der Erinnerungen an die Vergangenheit gesehen. Ein beträchtlicher Teil dessen, was in der Gegenwart durchzusichern scheint, ist in Wirklichkeit ein Sich-wieder-Entsinnen und Erneut-Erleben der Vergangenheit. Erinnerungen an Vergangenes haben einen direkten Einfluss auf gegenwärtiges Handeln und Interagieren. Erwartungen an die Zukunft basieren weitgehend auf Annahmen, die sich auf Erfahrungen in der Vergangenheit gründen.

aus ‚Dramaturgie des Unbewussten‘ von Albert Pesso



Kritik der Freien Assoziation

Psychologie Posted on Fr, Mai 05, 2017 17:36:42

Psychoanalyse: Bekanntlich liegt der Analysand auf einer Couch und muss sich einer besonderen Form der geistigen Konfusion*, dem freien Assoziieren, hingeben – das heißt all das wahllos ausdrücken, was immer ihm durch den Kopf geht. Der Analytiker sitzt hinter ihm, so dass ihn der Patient nicht sehen kann. Der wohlgemeinte Zweck dieses etwas ungewöhnlichen Kommunikationsarrangements ist es, dem Patienten den freien Fluss seiner Assoziationen, besonders aber die Erwähnung peinlicher Themen, dadurch zu erleichtern, dass er sich der Anwesenheit des Analytikers so weniger bewusst ist. In Wirklichkeit aber tritt genau das Umgekehrte ein. Um eine psychoanalytische Analogie zu verwenden: Was durch die Vordertüre hinausgeworfen wird, schleicht sich durch die Hintertür wieder ein. Statt die Gegenwarte des Analytikers zu vergessen, entwickelt der Patient ein besonderes scharfes Ohr für die minimalisierten Geräusche. All dies und vieles andere wird zu Signalen dafür, welche freien Assoziationen die ‚richtigen‘ sind und welche keine Billigung finden.

*Konfusion

Nach ursprünglicher Lähmung löst jeder Zustand der Konfusion eine sofortige Suche nach Anhaltspunkten aus, die zur Klärung der Ungewissheit und dem damit verbundenem Unbehagen dienen können. Erstens wird diese Suche, wenn erfolglos, auf alle möglichen und unmöglichen Bezüge ausgedehnt und wird unter Umständen die unbedeutendsten und abwegigsten Zusammenhänge einbeziehen. Zweitens neigt man in einem Zustand von Konfusion ganz besonders dazu, sich an die erste konkrete Erklärung zu klammern, die man durch den Nebel der Konfusion zu erkennen glaubt.

(aus ‚Wie wirklich ist die Wirklichkeit‘, Paul Watzlawick)



Persönlichkeitspsychologie

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:22:26

In der Persönlichkeitspsychologie (früher Charakterkunde) wurden zahlreiche Persönlichkeitstheorien entwickelt, was zeigt, wie vorläufig diese Entwürfe sind..

..als Eigenschaftstheorie (anschließend an die frühere Charakterkunde)
Costa und McCrae et al. (2005) fünf grundlegende Persönlichkeitseigenschaften, die als “Big Five” bezeichnet

..als Typenlehre mit Eigenschaften als theoretische Dimensionen bei Muster von zusammengehörigen Merkmalen gebildet werden.
Diesem liegt die Auffassung zugrunde, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen; d.h. also, alle wesentlichen Unterschiede zwischen Personen werden bereits im ‚Wörterbuch‘ durch entsprechende Begriffe repräsentiert. Die Skalen sind: Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit), Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus), Extraversion (Geselligkeit), Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit).

..Psychodynamische Theorien (Freud) und daraus hervorgegangenen zahlreiche Richtungen (weitgehend von unbewussten Kräften und Verarbeitungsweisen überzeugt) als psychodynamische (tiefenpsychologische) Orientierung zusammengefasst (Komplexe Psychologie Carl Gustav Jungs, Alfred Adlers analytische Psychologie, die stärker sozialpsychologisch und gesellschaftskritisch ausgerichtete Psychologie Erich Fromms, die Theorie der Identitätsentwicklung Erik H. Erikson, psychoanalytische Selbsttheorien u. a. von Heinz Kohut)

.. Lerntheoretisch-verhaltenswissenschaftliche Theorien (Watson und Skinner) bei dem Verhaltensweisen nach dem Prinzip der Konditionierung, nach dem Prinzip des operanten Lernens und dem Prinzip des Lernens durch Beobachtung erworben werden. Neuere lerntheoretische Ansätze (Bandura, Mischel, Kanfer) berücksichtigen stärker die kognitiven und sozialen Bedingungen des Lernens sowie auch die Möglichkeiten der Selbstkontrolle.

..Biografisch orientierte Theorien, die das das ‚Individuum in seiner Welt‘ zu erfassen versuchen, jedoch mit einheitlichen Begriffen und Methoden um die Formen der individuellen Auseinandersetzung mit den Lebensaufgaben vergleichen zu können.

..Interaktionistische Persönlichkeitstheorien, da sie der wechselseitigen Beeinflussung und Formung von Persönlichkeit und Situation (Interaktionismus) größte Bedeutung einräumen, statt die relativen Anteile von Persönlichkeit, Situation und Wechselbeziehung statistisch beschreiben zu wollen. Einerseits provozieren bestimmte Lebenssituationen, individuelle Verhaltensreaktionen, andererseits bevorzugen Individuen bestimmte Situationen, sie schaffen soziale Beziehungen und verändern aktiv ihre Umwelt.

..Kognitive Persönlichkeitstheorien und Selbsttheorien, z.B. George A. Kelly‘s Theorie, wobei persönlichen Konstrukte eines Menschen individuelle Schemata zur Erfassung der Welt bezeichnen. Aber auch Carl Rogers bei dem es um Konzepte geht, die sich ein Mensch der eignen Person, von anderen Menschen und von seiner Umwelt macht.

..Biopsychologische Persönlichkeitstheorien, gehen von der Überzeugung aus, dass alle Persönlichkeitsmerkmale wie auch andere psychische Funktionen (Wahrnehmung, Kognition, Bedürfnisse und Emotionen) eine biologische Grundlage in der Struktur und Funktion des Gehirns haben (z.B. Hans Jürgen Eysenck).

..Entwicklungsorientierte Persönlichkeitstheorien. Die menschliche Psychogenese führt zu ereignisabhängigen und strukturellen Veränderungen der Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne. Verschiedene Stadien werden vom Menschen im Laufe seines Lebens durchschreitet. Jedes Stadium ist mit speziellen Entwicklungsaufgaben bzw. Lebenskrisen verbunden, die durch die die adaptiven Qualitäten der Persönlichkeit neu gemeistert werden.

Das Selbstkonzept als zentrales Persönlichkeitsmerkmal

Das Selbstkonzept wird durch Erfahrungen mit Anderen gebildet. Es ist das Bild, das jemand von sich selbst hat (bewusst oder nicht bewusst). Der Mensch strebt tendenziell danach sein Selbstkonzept zu erhalten und zu stabilisieren. Sein Selbstkonzept beeinflusst seine Wahrnehmung und das Verhalten und Erleben eines Menschen. Siehe auch ‚Das Sein und das Nichts‚.



Motivation und Bedürfnis

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:20:57

Motivation
Motivation in der Psychologie ist ein von Bedürfnissen gesteuerter Prozess des Angetriebenseins welcher andauert bis das Ziel erreicht ist.

Bedürfnis
Bedürfnis wird definiert als Zustand oder Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch diesen zu beheben. Bedürfnisse können eingeteilt werden nach.. der Art der Befriedigung (individual, kollektiv), der Dringlichkeit (Grundbedürfnisse, Existenzbedürfnisse, Luxusbedürfnisse, Kulturbedürfnisse), nach Rangordnung (primär, sekundär, Maslowsche Bedürfnisspyramide), nach Abfolge (Komplementärbedürfnisse), nach Konkretheit (materiell, immateriell), nach Bewusstsein (latent, verdeckt).



Emotionen in der Psychologie

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:20:10

Eine präzise wissenschaftliche Definition für den Begriff “Emotion” gibt es nicht. Emotionen können beschrieben werden als aktuelle Zustände, die kurz aufleben und wieder abklingen (Affekt) und auf ein Ereignis bezogen sind. Während oft Emotionen mit Gefühlen gleichgesetzt wird, differenziert z.B. Damasio vor dem Hintergrund der modernen Neurobiologie: Emotionen sind demnach komplexe, größtenteils automatisch ablaufende, Programme für Handlungen. Sie bestehen vorwiegend aus Vorgängen, die in unserem Körper ablaufen. Gefühle von Emotionen dagegen sind zusammengesetzte Wahrnehmung dessen, was in unserem Körper und unserem Geist abläuft, wenn wir Emotionen haben. Was den Körper betrifft, so sind Gefühle nicht die Abläufe selbst, sondern Bilder von Abläufen.

Emotionen sind von Stimmungen (längerfristiger emotionaler Hintergrund unseres Erlebens) und von Gefühlsneigungen (relativ stabile Persönlichkeitsmerkmalen) abzugrenzen.

Nach Lückert (1994) haben Emotionen die Funktion zu motivieren (unser Verhalten zu aktivieren und zu steuern), uns auszudrücken (Mimik, Gestik), uns zu regulieren (Körperfunktion im Ungleichgewicht anzeigen), zu werten (zeigen uns was wir bevorzugen oder ablehnen) und zu selektieren (selektive Wahrnehmung).

Es gibt einige Klassifizierungssysteme z.B. Plutchiks Rad der Emotionen (ursprünglich auf einem Kegel angeordnet), welches acht Basisemotionen mit drei bzw. vier Abstufungen benennt.



Denken in der Psychologie

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:19:33

Denken in der Psychologie ist ein Prozess der Informationsverarbeitung und Problemlösung. Es werden darunter alle Vorgänge zusammengefasst, die aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen. Denken wird allgemein von Wahrnehmung und Intuition unterschieden.

Im Problemlösungsprozess wird durch inneres Probehandeln (Versuch und Irrtum) nach einer Lösung gesucht. Brainstorming, das Bilden von Analogien (z.B. Metaphern) und lautes Denken sind nützliche Strategien. Nach Dörner (1989) werden diese Schritte durchlaufen: Definition des Ziels (dies ist bereits eine wesentliche Intervention, z.B. im Coaching), Analyse der Ausgangssituation, Analyse der Entwicklungstendenzen, Planung-Entscheidung-Durchführung von Aktionen, Überprüfung und Bewertung der Lösung.



Gedächtnis – Mehrspeichermodell

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:18:43

Mehrspeichermodell des Gedächtnisses (1968, Atkinson und Shiffrin)

Das Drei-Stufen-Modell ist ein Übergangsmodell zu den heutigen Ansichten. Dennoch ist es immer noch ein grundlegendes Modell der Gedächtnisforschung, da es den Prozess der Erinnerungsbildung auf anschaulich darlegt.

Sensorisches Gedächtnis: Informationen werden 0,5 – 2 Sekunden festgehalten und verfallen, wenn nicht an das Kurzzeitgedächtnis weitergegeben. Unterkategorien: ikonische Gedächtnis (zuständig für visuelle Eindrücke, schafft für nur wenige Zehntelsekunden eine Momentaufnahme des Gesehenen), Echogedächtnis (kurzzeitiges sensorisches Gedächtnis für auditive Reize).

Kurzzeitgedächtnis: Informationen werden 20 Sekunden bis 20 Minuten (max. 1 Stunde) festgehalten. Begrenzte Kapazität (7 +/- 2 Informationen). Beispiele: Ein kurz sichtbares Bild kann analysiert werden, obwohl es nicht mehr sichtbar ist; eine Melodie besteht für uns nicht aus einzelnen Tönen, sondern erscheint als ein Ganzes. Wir können Kopfrechnen und einen Text lesen und verstehen, ohne ihn auswendig zu können.

Langzeitgedächtnis: unbegrenzt aufnahmefähig und zeitüberdauernder Speicher. Unterkategorien: deklaratives Langzeitgedächtnis (explizites Gedächtnis), beinhaltet nur Erinnerungen, auf welche der Mensch in vollem Bewusstsein, also explizit, zugreifen kann; non-deklarative Gedächtnis (prozedurales Gedächtnis), implizites Gedächtnis oder Fertigkeitsgedächtnis genannt. Unterschiedliches Verschlüsseln / Verknüpfen von Informationen hilft dabei einen einfacheren Zugang zu den Informationen zu erhalten. Vier Prozesse helfen Informationen in das Langzeitgedächtnis aufzunehmen: Kodierung (Eselsbrücken, Informationen werden verändert und umgewandelt und zu einer sinnvollen Einheit zusammen gefasst), Organisation (Stichpunkte, Gliederung Schaubilder, MindMap), Wiederholung (laut oder in Gedanken), Elaboration (intensive Beschäftigung, schon vorhandene Inhalte werden neu aktiviert und verknüpft).



Schweigespirale

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:17:30

Schweigespirale nennt sich ein Teil der in den 1970er-Jahren von Elisabeth Noelle-Neumann formulierten Theorie der öffentlichen Meinung. Demnach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so gibt es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je ausgeprägter der Gegensatz wird.



Kategorisierung und Kognitive Dissonanz

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:16:50

Kategorisierung und Stereotype

Um nicht überfordert mit der großen Anzahl an Informationen unserer sozialen Umwelt zu sein, werden viele Informationen ignoriert und in Kategorien vereinfacht. In der Kategorisierung werden ähnliche Objekte unter einem Oberbegriff zusammengefasst. Der Prozess der Kategorienbildung ist uns meistens nicht bewusst. Gebildete Kategorien werden nur dann verändert, wenn neue Informationen das alte System unbrauchbar machen. Kategorien mit sozialen Wertungen (gut/schlecht, gut/böse) sind schwer veränderbar.

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz ist ein unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten -, die nicht miteinander vereinbar sind. Derartige Zustände werden als unangenehm empfunden und erzeugen im Menschen Spannungen, die nach Überwindung drängen. Der Mensch befindet sich im Ungleichgewicht und setzt alles daran, wieder einen konsistenten Zustand, ein Gleichgewicht zu erreichen (Leon Festinger). Grundannahmen im Konsonanz Modell: Die durch Erfahrung entstandenen, komplexen Vorstellungen des Menschen (kognitive Landkarten) zu einzelnen Themen, die sich hierarchisiert aus Werten, Einstellungen und Meinungen zusammensetzen, streben nach Konsonanz (Ausgleich, Harmonie und Übereinstimmung). Die selektive Aufnahme von Informationen folgt in erster Linie der Verstärkung bestehender Einstellungen. Ausgewählt, verarbeitet und erinnert werden konsonante, passende Informationen, die problemlos in bestehende Landkarten eingebaut werden können. Unpassende (inkongruente, dissonante) Informationen werden gemieden, ignoriert, vergessen oder kongruent umgedeutet (Rechtfertigungen), um Widersprüche zu vermeiden. Falls Inkonsistenzen zwischen verschiedenen Elementen kognitiv nicht zu überbrücken sind, bricht die Landkarte an der schwächsten Stelle (d. h. die Kognition, die sich am leichtesten verändern lässt, wird neu in Richtung auf Kongruenz geordnet). Findet auf der emotionalen und persönlich-sozialen Ebene eine Veränderung oder Verunsicherung statt, werden neue (passende, kongruente) Informationen gesucht. Widersprüche zwischen Kognition und Emotion können balanciert werden durch Verdrängung, Sublimierung und Umdeutung.

Anwendungsgebiete im Marketing / Verkauf: Konsumenten nehmen vor Kaufentscheidungen Informationen sehr selektiv wahr. Dadurch entstehen kognitive Dissonanzen, die beim Konsumenten eine Diskrepanz zwischen dem erwarteten und tatsächlichen Nutzen des Produktes verursachen. In Konsumwahlexperimenten wurde bestätigt, dass im Nachkaufverhalten eine kognitive Umbewertung des gekauften Produktes stattfindet, um die Dissonanz zu reduzieren. Beispiel: ‚Mein neues Auto hat noch mehr Vorzüge, als ich dachte.‘ Low-Ball-Verkaufstaktik: Zuerst ein günstiges Angebot machen und dann Zusatzkosten berechnen. Der Käufer willigt im Normalfall ein, um nicht gegen seine Kaufentscheidung zu handeln. Foot-in-the-door: Nach dem Kauf passende Zusatzartikel anbieten, die die meisten Kunden kaufen, um konsistentes Verhalten zu zeigen.

Dies gilt auch für Konsequenzen von Taten: Wenn wir jemandem nicht helfen oder sogar schaden, wird das Opfer von uns abgewertet (vgl. Opfer-Abwertung und Entmenschlichung). Eine freundliche Handlung macht unsere Einstellung freundlicher, was weitere freundliche Handlungen wahrscheinlicher macht; für unfreundliche Handlungen gilt dasselbe: ein Rückkopplungsprozess wird in Gang gesetzt.



Soziale Wahrnehmung

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:15:00

Hypothesentheorie der sozialen Wahrnehmung (Brunner):

Nach Bruner beginnt jeder Wahrnehmungsvorgang mit einer Hypothese, die Vorhersagen darüber beinhaltet, welche Ereignisse eintreffen werden. In einem zweiten Schritt der Wahrnehmung kommen Informationen durch die Umwelt hinzu. Die Erwartungen aus der Anfangshypothese werden mit den Informationen aus der Umwelt verglichen. Wenn die Hypothese widerlegt wird, beginnt der Prozess aufs Neue, ansonsten ist der Vorgang abgeschlossen. Weil die Hypothese darüber entscheidet, worauf sich die Aufmerksamkeit beziehen soll, wird nicht nur das, was gesehen wird, sondern auch die Interpretation des Wahrgenommenen durch die Hypothese beeinflusst. Deshalb bestimmen Hypothesen in maßgeblicher Weise Selektions- sowie Inferenzprozesse und sind sogar bis zu einem gewissen Grad handlungsleitend. Die Hypothesen sind in kognitive Landkarten integriert und setzen sich aus Erfahrungen und früheren Wahrnehmungen zusammen.

Die stärkste Hypothese bei der jeweiligen Wahrnehmungssituation wird herangezogen und verdrängt schwache Hypothesen:

– Je stärker eine Hypothese ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktiviert wird (priming) und sich dispositiv auf die Verhaltensweisen auswirkt.

– Je stärker eine Hypothese ist, desto geringer ist die zur Bestätigung notwendige Menge an unterstützenden Reizinformationen.

– Je stärker eine Hypothese ist, desto größer muss die Anzahl widersprechender Stimulus-Informationen sein, damit die Hypothese verworfen wird (Änderungsresistenz).

Wodurch wird die Stärke einer Hypothese bewirkt?

– Je häufiger eine Hypothese bestätigt wurde, desto stärker wird sie.

– Je größer die Anzahl verfügbarer Alternativhypothesen in der Wahrnehmungssituation ist, desto schwächer ist die Anfangshypothese.

– Je größer die motivationale Unterstützung für eine Hypothese ist, desto stärker ist sie.

– Je größer die kognitive Unterstützung der Hypothese ist, desto stärker ist sie.

– Je stärker die soziale Unterstützung (Affirmation) für eine Hypothese ausfällt, desto gefestigter ist sie.



Wahrnehmung

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:14:03

Unsere Wahrnehmung ist ein aktiver und selektiver Prozess. Beim Wahrnehmungsprozess konstruieren wir ein Wahrnehmungsbild und interpretieren die Informationen subjektiv entsprechend unserer Erwartungen und Vorstellungen. Auch unsere Persönlichkeitsmerkmale, Bedürfnisse, Gefühle, Ziele und Vorwissen spielen bei der Interpretation eine wichtige Rolle.

Eine gestalttheoretische Erklärung (Gestaltpsychologie: Fähigkeit Strukturen und Ordnungsprinzipien in Sinneseindrücken auszumachen) der Wahrnehmungsorganisation ist:

– Grundregel: ‚Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile‘. Die Wahrnehmung eines Teils eines Reizmusters wird von seinen anderen Teilen beeinflusst.

– Prägnanz: ‚Jedes Reizmuster wird so gesehen, dass die resultierende Struktur so einfach wie möglich ist‘

– Ähnlichkeit: ‚ähnliche Dinge erscheinen zu zusammengehörigen Gruppen geordnet‘

– (gestaltgerechte) Linienfortsetzung: ‚Punkte, die als gerade oder sanft geschwungene Linie gesehen werden können, wenn man sie verbindet, werden als zusammengehörig wahrgenommen. Linien werden tendenziell so gesehen, als folgten sie dem einfachsten Weg‘

– Nähe: ‚Dinge, die sich nahe beieinander befinden, erscheinen als zusammengehörig‘

– gemeinsame Bewegung: ‚Dinge, die sich in die gleiche Richtung bewegen, erscheinen als zusammengehörig‘

– Bedeutung / Vertrautheit: ‚Dinge bilden mit größerer Wahrscheinlichkeit Gruppen, wenn die Gruppen vertraut erscheinen oder etwas bedeuten‘

Fehler bei der Wahrnehmung (Beispiele)

– Primäreffekt (der erste Eindruck, den ein Mensch von einem anderen gewinnen kann, ist so stark, dass andere Eigenschaften einer Person nicht gesehen oder übersehen werden)

– Halo Effekt (Einzelne Eigenschaften einer Person erzeugen einen Gesamteindruck, der die Wahrnehmung weiterer Eigenschaften der beurteilten Person überstrahlt)

– Erster und letzter Eindruck (diese prägen sehr stark unser Gesamturteil)

– Kontrasteffekt / Vergleichsmaßstab (nachfolgende Objekte werden am ersten Objekt gemessen und eingeordnet)

– Projektion (idealische- und Schatten-Projektion, eigene Wünsche und Bedürfnisse werden in andere Personen projiziert)

– Soziale Stereotypen (durch Zuordnung von Eigenschaften zu Personengruppen werden Mitgliedern ähnliche Eigenschaften zugeschrieben)

– Subjektive Persönlichkeitstheorie (eigene Theorien über Eigenschaften die zusammengehören)

siehe auch ‚Urteilsheuristiken

siehe auch ‚Stellen Sie sich vor, unser Denken wird von diesen zwei kognitiven Systemen gestaltet..



Kognition

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:13:14

Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählen die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, das Problemlösen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, die Introspektion, der Wille, das Glauben und einige mehr. Auch Emotionen haben einen wesentlichen kognitiven Anteil. In der Psychologie bezeichnet Kognition die mentalen Prozesse und Strukturen eines Individuums wie Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Urteile, Wünsche und Absichten. Kognitionen können als Informationsverarbeitungsprozesse verstanden werden, in denen Neues gelernt und Wissen verarbeitet wird. Kognitionen beinhalten, was Individuen über sich selbst, ihre (soziale) Umwelt, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken. Kognitionen können Emotionen (Gefühle) beeinflussen und/oder durch sie beeinflusst werden. Man kann demzufolge festhalten, dass Kognitionen all die internen Vorstellungen sind, die sich ein Individuum von der Welt (subjektive Realität) und sich selbst konstruieren kann (im Sinne des Radikalen Konstruktivismus).

siehe auch ‚Wirklichkeit wird konstruiert
siehe auch ‚Konstruktivismus als Konstruktion



Psychologie – Definition und Disziplinen

Psychologie Posted on Fr, April 14, 2017 13:12:37

Definition

Obwohl Psychologie wörtlich übersetzt ‚Die Wissenschaft von der Seele‘ heißt, wird heute die Definition ‚Lehre vom Verhalten und Erleben des Menschen‘ verwendet und das Thema Seele in den Bereich der Theologie verschoben. Verhalten inkludiert das verdeckte Verhalten, also auch sich etwas vorzustellen (Denkmuster). Entgegen der Alltagspsychologie (gesunder Menschenverstand) ist die in den akademischen Institutionen betriebene und gelehrte Psychologie eine streng empirische Wissenschaft in der Theorien und daraus abgeleitete Modelle, Hypothesen, Annahmen für die Beantwortung einer konkreten Fragestellung empirisch geprüft werden (experimentelles oder quasi-experimentellem Vorgehen mit Mathematik als wichtigem Werkzeug, insbesondere die Deskriptive Statistik, Stochastik, statistische Testverfahren etc.). Modelle, die in 60%-70% der Fälle zutreffen, sind bereits sehr starke Modelle.

Disziplinen

Vielfach wird innerhalb der Psychologie zwischen Grundlagen-, Anwendungs- und Methodenfächern (Handwerkszeug des psychologischen Erkenntnisgewinns) unterschieden. Teil der Grundlagendisziplinen sind u.a. die Persönlichkeitspsychologie, Entwicklungspsychologie (Veränderung des Erlebens und Verhaltens im Laufe des Lebens, z.B. im Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson), Sozialpsychologie und der Allgemeinen Psychologie (Kognition, Wahrnehmung, Emotion, Motivation, Gedächtnis, Wissen).

Unter den Anwendungsdisziplinen befindet sich die Klinische Psychologie, die sich mit Modellen psychischer Störungen und klinischen Interventionsverfahren (Psychotherapie) beschäftigt. Psychologie ist also nicht mit Psychotherapie, Psychiatrie oder Psychoanalyse zu verwechseln oder gleich zu setzen.



Urteilsheuristiken

Psychologie Posted on Mi, Juni 29, 2016 07:38:57

Heuristik bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen.

Eine Urteilsheuristik ist eine Heuristik (überschlägige Denkweise), um schnell zu einer Entscheidung zu gelangen. Aus Sicht der Kognitionspsychologie stellen Urteilsheuristiken Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, und zwar nicht nur dann, wenn die Situation auf Grund fehlender Informationen schwer einschätzbar ist, sondern auch, wenn die Lagebeurteilung aus Zeit- oder Motivationsmangel unvollständig ist.

Urteilsheuristiken gehören zu den automatischen Denkprozessen und laufen daher unbewusst, absichtslos, unwillkürlich und mühelos ab. Diese Art zu denken wird nur unterbrochen und von kontrolliertem Denken abgelöst, wenn der Gegenstand überschwellig starke Aufmerksamkeit erregt. Kontrolliertes Denken ist das bewusste, absichtliche, freiwillige, aufwändige Denken. Außerdem werden Urteilsheuristiken eingesetzt, wenn man kontrolliert denken möchte, aber wegen Übermüdung, Störung, Ablenkung und Ähnlichem nicht dazu in der Lage ist.

Verfügbarkeitsheuristik
Sie ersetzt die schwierige Frage nach der Häufigkeit eines Ereignisses oder dem Umfang einer Kategorie durch die einfachere Frage, wie leicht es fällt, sich an passende Beispiele zu erinnern. Zwei häufige Ursachen dafür, dass Beispiele leicht verfügbar sind und so zu einem systematischen Fehler führen, sind eigene Erlebnisse sowie Berichte in den Massenmedien.

Repräsentativitätsheuristik
Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen werden danach bewertet, wie genau sie bestimmten Prototypen entsprechen. Bsp. die Basisratenvernachlässigung, d. h. die Überschätzung der bedingten Wahrscheinlichkeit von Ereignissen mit niedriger Basisrate.

Ankerheuristik
Menschen werden bei bewusst gewählten Werten von momentan vorhandenen Umgebungsinformationen beeinflusst werden, ohne dass ihnen dieser Einfluss bewusst wird. Die Umgebungsinformationen haben Einfluss selbst dann, wenn sie für die Entscheidung eigentlich irrelevant sind, orientiert sich also an einem willkürlichen “Anker”. Die Folge ist eine systematische Verzerrung in Richtung des Ankers. Anker können auf zwei Weisen wirken: Als unbewusste Suggestion aktiviert der Anker zu ihm passende Assoziationen, welche im Anschluss die Urteilsfindung beeinflussen, also über den Mechanismus des Priming (Bahnung). Oder, der Anker liefert den Ausgangspunkt oder Startwert für einen bewussten Gedankengang, der zu einem rational begründeten Urteil führen soll (adjustment).

Siehe auch „Unser Denken – ein Modell mit zwei Systemen



Unser Denken – ein Modell mit zwei Systemen

Psychologie Posted on Fr, Juni 24, 2016 23:56:28

System1
– Ich beurteile permanent verschiedene Aspekte (ohne bestimmte Absicht)
– Ich erstelle ein Modell unserer persönlichen Welt, und erhalte es aufrecht
– Ich bestimme unsere Interpretation der Gegenwart und unsere Zukunftserwartungen
– Ich bin eine Assoziationsmaschine und durchsuche spontan unser assoziatives Gedächtnis , dabei will ich kohärente und kausale Geschichten herstellen
– Ich schließe auf Ursachen und Absichten und erfindet beide
– Ich greife nur auf ‚aktive‚ d.h. gerade verfügbare Informationen zu (und blende fehlende Informationen aus)
– Ich unterdrückte Zweifel
– Ich arbeitete automatisch , schnell , weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung (Du kannst mich nicht willentlich abstellen)

System2
– Ich überwache und kontrolliere von System1 vorgeschlagene Gedanken, aber ich bin faul und bringe nur absolut notwendige Mühen auf
– Ich lenke Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten -komplexe Berechnungen, unserer Selbstkontrolle etc.
– Ich kann unser Denken so programmieren, dass es Anweisungen gehorcht, und übliche Reaktionen außer Kraft setzt
– Ich nehme Fragen entgegen und erzeuge sie
– Ich arbeite langsam, bin mit Anstrengung verbunden und zu ineffizient bei Routine Entscheidungen
– Nicht zu Glauben ist eine meiner System-Funktionen
– Die Suche nach bestätigenden Hinweisen ist eine meiner System-Funktionen
– Selbstkritik ist einer meiner System-Funktionen

Unser Zusammenspiel
– Wenn System2 unsere Kapazität auslastet, bekommt System1 nur wenig Zeit zugeteilt und wird blind für Stimuli
– Ist System1 in Schwierigkeiten fordert es eine spezifische Verarbeitung von System2 an
– In Notlagen übernimmt System1 (höchste Priorität für Selbstschutz)
– Ein aktives, nach Kohärenz strebendes System1 schlägt einem anspruchslosen System2 Lösungen vor, d.h. die Bestätigungstendenz von System1 begünstigt die unkritische Annahme von Vorschlägen und überzeichnet die Wahrscheinlichkeit von extremen (unwahrscheinlichen) Ereignissen
– System1 erzeugt Eindrücke, Gefühle und Neigungen, die, unterstützt von System2 zu Überzeugungen, Einstellungen und Intentionen werden
– Abrufleichtigkeit ist eine System1-Heuristik, die durch einen Inhaltsfokus ersetzt wird, wenn System2 stärker beansprucht wird

Unsere Natur
– Die Arbeitsteilung von System1 und 2 ist höchst effizient: min. Aufwand bei hoher Leistung
– Gibt es mehrere Wege wird der Weg mit dem geringsten Aufwand genommen
– Wiederholte Erfahrungen, eine klare Darstellung, eine geprimte Vorstellung, gute Laune führen zu kognitivere Leichtigkeit mit den Folgen: es fühlt sich vertraut an, erscheint wahr, fühlt sich gut an, erscheint mühelos
– Voreilige Schlussfolgerungen sind effizient, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu treffen und die Kosten eines gelegentlichen Fehlers akzeptabel sind, aber riskant, wenn die Situation unbekannt ist, viel auf dem Spiel steht und keine Zeit ist zusätzliche Informationen zu sammeln
– Unser WYSIATI Prinzip (what-you-see-is-all-there-is) erleichtert Kohärenz und kognitive Leichtigkeit. WYSIATI erklärt viele Urteils-und Entscheidungsfehler, Selbstüberschätzung, Framing Effekte, Basisratenfehler
– Die Verfügbarkeitsheuristik ist gleicher als andere Heuristiken, Ideen werden nach der ‚Flüssigkeit‚ und emotionalen Färbung beurteilt, mit der diese aus dem Gedächtnis abgerufen wird
– Wir haben intuitive Gefühle und Meinungen über fast alles
– Wenn eine befriedigende Antwort auf eine schwierige Frage nicht gefunden wird ,beantworten wir einfach statt dessen eine leichtere Frage (Ersetzung, Bsp. Affektheuristik -statt der Frage wird beantwortet ‚Welche Gefühle weckt das in mir?‚ die Affektheuristik vereinfacht unser Leben, indem sie eine Welt erschafft, die viel geordneter als die Wirklichkeit ist)
– Glaube an das Gesetz der kleinen Zahlen: Menschen schenken dem Stichprobenumfang keine hinreichende Beachtung, d.h. wir schenken dem Inhalt mehr Beachtung als der Information über ihre Zuverlässigkeit
– Wir suchen unwillkürlich überall nach Mustern und glauben fest an eine kohärente Welt, in der Regelmäßigkeiten nicht zufällig auftreten
– Regression zum Mittelwert wird kaum verstanden: Korrelation wird mit Kausalität verwechselt
– Intuitive Vorhersagen basieren oft auf Selbstüberschätzungen und sind daher zu extrem
– Wir beschwindeln uns selbst, in dem wir fadenscheinige Berichte über die Vergangenheit konstruieren und sie für wahr halten
– Unser Gehirn beschäftigt sich nicht mit Nicht-Ereignissen, d.h. wichtige Ereignisse auf Basis von Entscheidungen verleiten uns Können und Geschick über zu bewerten und den Anteil von Glück zu unterschätzen
– Unsere beinahe unbegrenzte Fähigkeit unsere eigene Unwissenheit zu ignorieren, gibt uns die beruhigende Überzeugung, dass die Welt einen Sinn hat
– Unsere Fähigkeit geänderte Überzeugungen aus vergangenen Wissenszuständen zu rekonstruieren, ist mangelhaft, d.h. sobald man sich eine neue Sicht der Welt zu eigen macht, verliert man überwiegend die Fähigkeit, sich an das zu erinnern, was man glaubte, bevor man sein Einstellung änderte dadurch unterschätzen wir auch das Ausmaß in dem wir durch Ereignisse überrascht wurden
– Rückschaufehler veranlassen dazu nicht die Güte der Entscheidungsfindung zu beurteilen, sondern ausschließlich daran ob das Ergebnis positiv oder negativ war
– Die Illusion man hätte die Vergangenheit verstanden, nährt die weitere Illusion man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren
– Wir haben ein Bedürfnis nach der beruhigenden Botschaft, dass Handlungen die gewünschten Folgen haben und Klugheit/Mut von Erfolg gekrönt werden
– Der Irrglaube einen ‚guten Riecher‚ zu haben ist die Kompetenzillusion: Experten zeigten eine schlechtere Leistung als eine Gleichgewichtung der Wahrscheinlichkeit gebracht hätte d.h. Experten erstellen schlechtere Vorhersagen als Dartpfeile werfende Affen. Experten geben nur widerwillig zu sich geirrt zu haben, haben eine Menge Ausreden parat (z.B. fast richtig, nur zeitlich verfehlt..) und sind geblendet von ihrer Brillanz: sie hassen es danebenzuliegen
– Die Ablehnung gegen Entscheidungen von Algorithmen resultiert aus der Präferenz vieler Menschen für das Natürliche und gegen das Künstliche
– Statistische Informationen werden ausgesondert, wenn sie mit persönlichen Eindrücken unvereinbar sind: Im Wettstreit mit der Innensicht hat die Außensicht keine Chance

Schnelles Denken, langsames Denken, von Daniel Kahneman

Siehe auch „Urteilsheuristiken“